Skip to main content

Hinweis

Jedes Kapitel des Buches beginnt mit einer bildlichen Einführung in die Thematik. Die Darstellungen werden jeweils kurz beschrieben und dann leitet eine Erläuterung über zum Kapitel. Auf dieser Seite finden Sie die Kapitelvignetten. Sie sind gedacht als methodischer Einstieg in die Behandlung der jeweiligen Thematik. Anhand einer Diskussion über die Darstellungen wird eine thematische und strukturelle Synopse des Kapitels vermittelt.

Aus rechtlichen Gründen können die Bilder leider nur als Schemen zur Verfügung gestellt werden. Im Service-Teil gibt es ein Abbildungsverzeichnis, das Suchstrategien vermittelt, die es ermöglichen, das Bildmaterial zu finden.

Diogenes einen Menschen suchend
Jacob Jordaens: Diogenes mit der Laterne auf dem Markt „Menschen suchend“ (ca. 1642)

Der flämische Maler Jacob Jordaens (1593-1678) stellt den kynischen Philosophen Diogenes von Sinope (ca. 391/399-323 v. Chr.) in das Zentrum seines Gemäldes „Diogenes mit der Laterne auf dem Markt Menschen suchend.“ Drohend (oder tastend?) steht er dort fast nackt und gestützt auf einen Stab. Am helllichten Tag steht er dort und hält eine Laterne mit hocherhobenem Arm dem Betrachter entgegen. Diogenes tat das wirklich! Er suchte mit der Laterne auf dem Markt in Athen nach einem „wirklichen“ Menschen unter seinen Mitbürgern. Das Barockgemälde gibt im Hintergrund einen schmalen Blick auf die schlichte Natur frei, die in die marode Architektur und damit in den Bereich der Kultur hineinreicht, in diese Szenerie mit üppigen Säulen und prächtigen Tieren. Am natürlichsten wirkt hier Diogenes selbst: nackt, wie er geboren wurde, wird er bestaunt, belacht, verachtet. Die schwelgenden Menschen denken über ihn nach, doch diese Szene wird zum Glück nur eine kurze Irritation ihres Glücks sein. Ihnen ist es licht genug. Diogenes’ Funzel erscheint bei Licht betrachtet doch zu lächerlich!

Warum suchen wir nach dem Glück? Worin besteht das Glück unseres Lebens? Welche Bedeutung hat Glück in unserem Leben? Wie kann eine Ethik glücksverwirklichend sein? – Vier Fragen stehen im Zentrum dieses Kapitels. Die erste scheint trivial. Sollen wir etwa das Unglück suchen? Die zweite scheint irrelevant und schwierig zugleich. Irrelevant ist sie, weil jeder sein Glück suchen muss. Schwierig ist sie, weil es so viele verschiedene mögliche Antworten gibt und man nicht alle gleichzeitig verwirklichen kann. Die dritte scheint klar. Glück ist wichtig! Es ist sehr wichtig, darum strebt ja auch jeder danach. Die vierte Frage ist vermutlich befremdend. Wie kann eine Theorie glücklich machen? Theoretisch und praktisch ist das Glück ein Kernbegriff der Ethik, der sich ihr zugleich systematisch auf vielfältige Weise entzieht. Denn Glück ist vielleicht nicht nur individuell, sondern auch eine Sache des Glücks. Einige begriffliche Klärungen können Licht in die Sache der Ethik bringen und die entlarvende Provokation des Diogenes ebenso verständlich machen, wie die berechtigte Ignoranz seiner Mitbürger.

Auf dem Bild finden wir offensichtlich den Eingang zu einem Fabrikgelände. Was wird dort hergestellt? Die Schranke ist großzügig geöffnet, einige stehen herum (Bedienstete? Besucher?). Es ist scheinbar ein herrlicher Tag, da die Sonne die Ziegelsteingebäude links an der Eingangsstraße erwärmt. Bäume ergänzen die Szenerie freundlich. Sicherlich ist die Arbeit angenehm. Nur der Schriftzug hätte sorgfältiger gestaltet werden können. Das „B“ ist seitenverkehrt. Hoffentlich arbeitet man auf dem Fabrikgelände sorgfältiger. Aber der Spruch macht doch Sinn! Durch Arbeit werden wir materiell unabhängig und eine produktive Tätigkeit kann uns mit Freude erfüllen. Arbeit ist ein wichtiger Wert. Nun, diese Bildbeschreibung ist grotesk. Es fehlt nur noch der Hinweis auf die im Bild fehlende Musikkapelle, mit der die Todgeweihten in Auschwitz „freundlich“ begrüßt wurden. Auf dem Bild ist ein Eingang zu sehen. Es ist auch der Eingang zu einer Fabrik, aber einer, in der nur der Tod industriell hergestellt wird. Millionenfach wurden Gefangene in Auschwitz ausgebeutet und dann in Birkenau ermordet. Der Sinnspruch ist also zynisch, aber das verkehrte B ein verzweifeltes (oder hoffnungsvolles?) Zeichen des Gefangenen Jan Liwacz.

Man gewinnt den Eindruck, dass die Ethik offensichtlich nicht bis Auschwitz reichte. Hätten die Bürger, ihre Regierung, der Beamtenapparat und das Militär einfach nur mehr Moral haben müssen? Kann die richtige Ethik eine neues „Auschwitz“ verhindern? Haben die Einzelnen (bis auf Menschen wie Jan Liwacz) die Gebote der Moral verloren? Wird man durch die Beschäftigung mit Ethik ein besserer Mensch? In diesem Kapitel ist der Frage nachzugehen, wie weit die Ethik reicht. Man kann sich fragen, warum man moralisch handeln soll. Ist es nicht besser zum eigenen Vorteil zu handeln oder nach ökonomischen Prinzipien? In welchen Formen kann man in der Ethik die Begründungsfrage stellen? Und: was ist eigentlich Begründung? Philosophen beschäftigen sich mit den Prinzipien ethischer und moralischer Argumente. Werden sie zu besseren Menschen, wenn sie die Struktur des Normativen und Evaluativen durchschaut haben?

Bei der Annäherung an die Universitätsbibliothek in Münster bemerkt man zunächst riesige, knall-rote Buchstaben. Sie ziehen uns in ihren Bann, weil man sich denkt, was da wohl an der Fassade geschrieben steht – „Universitätsbibliothek“ jedenfalls nicht. Man nähert sich dem Glasbau und beginnt zu lesen „KEINEM.“ Was macht das für einen Sinn? Man sucht links von der Kante des Gebäudes nach mehr und geht deshalb am Eingang vorbei. Hier liest man „GEHORCHE.“ Der Besucher erahnt zögernd ein Kunstwerk.

Angenommen das Kunstwerk bannt Sie vor Ort als Betrachter durch die Farbe, die Ausmaße der Buchstaben und die Wortfragmente. Es zwingt Sie, sich zu nähern. Es zwingt Sie, hin und her zugehen, um sich den Sinn zu erschließen. Wenn Sie ihn verstehen, wissen Sie, dass Sie keinem gehorchen sollen. Dann zwingt Sie das Kunstwerk weiterzudenken, denn das ist ja ein Widerspruch: Ein Befehl, der sagt gehorche nicht. Einerseits denken Sie als Philosoph an Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“. Andererseits ist der Befehl in seiner Absolutheit auch gefährlich: Wir sollten doch der Autorität des Staates gehorchen? Ohne Gehorsam herrscht Anarchie! Und das kann doch nicht der Sinn sein, der uns von einem öffentlichen Gebäude knallrot entgegen schreit, oder? Woher nimmt das Kunstwerk die Autorität, uns zu zwingen, über Autorität nachzudenken? – Die Ebene des Lesens ist in dieser Erlebnisbeschreibung sekundär. Es ist vor dem Lesen bereits etwas wirksam, wenn uns der Gegenstand überwältigt, indem er uns irritiert, neugierig macht und aktiviert. Nach dem Lesen kommt die Reflexion, die in sich widersprüchliche Gedanken zu gegensätzlichen Normen hervorbringt. Man wird gebannt, man handelt, man reflektiert. In diesem Kapitel wird der Non-Kognitivismus als eine Ethik vorgestellt, in der diskursive Reflexion, das heißt der Austausch rationaler Argumente, nicht der Ausgangspunkt ethischer Begründung ist.

Narkissos ist ein schöner junger Mann, den Düsternis umgibt. Er ist ganz gefangen von Selbstreflexion. Seine Aufmerksamkeit gilt nur sich selbst. Nichts vermag mehr in seinen Kreis einzudringen, am aller wenigsten der Liebreiz der schmachtenden Schönheit Echo. Sie werden kein Paar. Schlimmer noch: Echo verzehrt sich vor Liebe selbst. Die Götter hatten der Nymphe schon die Sprache genommen, sie ließen sie nur noch letzte Worte wiederholen. Die Arme! Doch nun versagt ihr Narkissos die Erwiderung ihrer Liebe. Der Grausame! Er verschmäht sie. Sie schämt sich, zieht sich in eine Grotte zurück, wo ihr Schmerz ihre Liebe noch stetig vergrößert. Die Arme! Von ihr bleibt nur noch das Echo übrig. Sie wünscht ihm, dass er sich so verliebe wie sie: Nie das Geliebte besitzend! Das Ergebnis sieht man. Reglos muss Narkissos sich selbst anschauen. Recht so! Wenn er sich küsst, verliert er sich. Sterbend ruft er endlich dem Geliebten entgegen: „Leb’ wohl!“, kraftlos scheint er zu antworten. Man hört ihn kaum. — Auch Echo seufzt: „Leb’ wohl!“ Endlich sind die drei als Liebende in der wiederholenden Erwiderung vereint.

Was geht eigentlich in Narkissos vor? Oder umhüllt ihn nur Dunkel? Was heißt es, „selbstverliebt“ zu sein? Ist Narkissos als (sich selbst) Liebender egoistisch? Sein Gefühl jedenfalls benebelt sein Erkennen: Der Geliebte scheint ihm völlig fremd zu sein. Narkissos Motive lähmen ihn, zerstören ihn. Er scheint wirklich verliebt! Rational ist das ziemlich unverständlich. Und was bildet sich diese Echo eigentlich ein? Ist etwa die Unwilligkeit ihre Liebe zu erwidern der Egoismus des Narkissos? Er liebt einen anderen. Ja, meint sie etwa ein Recht zu haben, für ihre Liebe Erwiderung zu finden? Wie egoistisch! Oder ist sie als ihn Liebende bloß selbstverliebt? Je mehr man darüber nachdenkt ... Alles Liebe, nichts Walzer.

„Nine Eleven“ ist zum Menetekel moderner Gesellschaften geworden. Wir müssen damit rechnen, dass Terroristen unvorstellbare Gewalt ausüben. Am 11. September 2001 kapern Terroristen zwei Flugzeuge und steuern sie als lebende Bomben in das World-Trade-Center. Das Ergebnis war nicht nur der Einsturz der Twin-Towers. Im Flugzeug und in den Wolkenkratzern starben außerdem tausende Unschuldiger. Die Welt befand sich tagelang in Schockstarre. Es stellte sich die Frage: Was tun, wenn es wieder passiert?

In Deutschland wird 2005 das Luftsicherheitsgesetz erlassen. Es erlaubt, in einem vergleichbaren Fall ein Flugzeug mit Waffengewalt abzuschießen. Der Tod unschuldiger Passagiere wird in Kauf genommen, um zu verhindern, dass mehr Menschen durch ein erfolgreiches Attentat sterben. Das Bundesverfassungsgericht erklärt dieses Gesetz für ungültig: „Die Ermächtigung der Streitkräfte, gemäß § 14 Abs. 3 des Luftsicherheitsgesetzes durch unmittelbare Einwirkung mit Waffengewalt ein Luftfahrzeug abzuschießen, das gegen das Leben von Menschen eingesetzt werden soll, ist mit dem Recht auf Leben nach Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG in Verbindung mit der Menschenwürdegarantie des Art. 1 Abs. 1 GG nicht vereinbar, soweit davon tatunbeteiligte Menschen an Bord des Luftfahrzeugs betroffen werden.“ Die Würde des Menschen ist unteilbar und daher kann der Nutzen Vieler nicht das Leben einer Person aufwiegen. Würde ist nicht verrechenbar. Ein fader Beigeschmack bleibt dennoch: Faktisch entscheidet man auch, wenn man nicht entscheidet. Und man verrechnet eben doch: Denn wer kann sich schon sicher sein, dass die Unterlassung allein aus dem Tötungsverbot gegenüber gleichermaßen würdigen Menschen erfolgt?

Die beiden Szenen illustrieren ein Kapitel des Welschen Gastes von Thomasin von Zerklaere. In diesem Lehrgedicht geht es um Tüchtigkeit, gute Erziehung und Tugend. Gleich zu Beginn wird die Scham behandelt. Wer sich schämt, gewinnt Abstand von Lastern wie der Prahlerei, der Lüge und des Spotts. Die Illustrationen verdeutlichen dies: Ein Mann geht auf eine Frau zu und sie scheinen sich zu begrüßen: „Sei mir treu.“ – „Ich gelobe es.“ Als Zeichen des Versprechens sieht man die gefalteten Hände zwischen ihnen. In der zweiten Szene fragt sich die Frau: „Warum gaffen die mich an?“ Die Männer sind als Verkörperungen von Lüge, Ruhm und Spott bezeichnet. Die Lüge sagt „Ich habe sie gehabt!“, die Prahlerei sagt „Sie ist mir hold!“ und der Spott „Schau wie sie dich ansieht!“. Die Schamlosigkeit des Lasters zeigt sich an der leichten Bekleidung des Prahlers. Aber die Frau scheint immun zu sein. Sie versteht nicht, was Lüge, Prahlerei und Spott von ihr wollen. Sie muss sich nicht schämen, weil sie sich an ihr Versprechen gebunden fühlt.

Pflicht und Versuchung sind zwei Seiten der Medaille der Moral. Die Pflicht bindet uns im Handeln an Vorgaben. Sie liefert uns einen Maßstab, an dem wir uns orientieren sollen. Wir besiegeln ein Versprechen durch einen Handschlag. Als Zeichen solcher Versprechen steht er dann zwischen uns und erinnert symbolisch an die dahinter liegenden moralischen Forderungen. Der Maßstab mag nun zwar stabil sein, wir sind es aber oft nicht. Manche unserer Interessen verleiten uns dazu, ein Versprechen zu brechen. Kann das richtig sein? Schon Platon bestimmte die Aufgabe der Moral so, dass die Vernunft die Begierde beherrschen muss. Warum sollen wir uns an der Pflicht im Sinne eines zwingenden Maßstabs für uns orientieren? Woher kommen ihre bindende Kraft und ihr Anspruch auf universelle Geltung?

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ (Walter Benjamin)

Wenn wir handeln, greifen wir in die Kette von Begebenheiten ein. 1940 hat Benjamin den Sturm vor Augen: Ein mörderischer Krieg wütet. In seiner Beschreibung des Klee-Bildes gibt es die Bewegung weg vom Paradies hin auf den Trümmerhaufen. Unser Handeln treibt uns stürmisch ins Verderben. Die Absicht des Fortschrittes ist gut, aber seine Konsequenzen sind Trümmer. Die großen dunklen Augen schauen zurück. Was sehen sie? Einen Fortschritt oder ein Paradies? Die Flügel werden vom Sturm geschoben. Wohin treiben sie den Engel? In eine Zukunft oder ein Verderben? In einer Ethik spielen Konsequenzen und damit der Perspektivwechsel zwischen motivierenden Absichten und beobachtbarem Verhalten, das Konsequenzen zeitigt, eine Rolle. Aber Welche? Für eine Tugendethik ist der Charakter einer Person ebenso eine Konsequenz, wie für den Utilitarismus ein himmelhoher Scherbenhaufen oder für den Engel die Entfernung des Trümmerhaufens vom Paradies. Was genau sind also Konsequenzen?

Eine Frau sitzt wie eine Königin auf der Spitze eines Berges. Um sich ihr zu nähern, bedarf es einiger Mühe. In der einen Hand balanciert sie einen Feuerstab mit einem Apfel in der Mitte, auf der anderen Seite umarmt sie den immergrünen Lorbeer. Wer bei ihr ankommt, erreicht die Mitte und wird mit dem Lorbeer belohnt. Die Tugend ist auf diese Mitte konzentriert. Doch die Menschen in dem Bild scheinen wenig zielstrebig zu sein: Einige liegen am Fuße des Berges, andere fallen wieder herunter; einige sind Erwachsene, einige Kinder. Der Knabe oben links scheint festzustecken. Im Detail erkennt man Schlangen, Kröten, Drachen. Sie stehen stellvertretend für die Gefahren, durch die wir straucheln. Das kann auch noch kurz vor dem Ziel passieren, aber der Lorbeer zeigt, dass der Tugendhafte auf die Stetigkeit und die wegweisende Funktion seines Ziels vertrauen kann.

Das Bild der Tugend erscheint seltsam, weil die Symbolsprache dieser Illustration gar nicht auf Handlungen und Handlungstypen anspielt. Es ist anschaulicher und zugleich abstrakter als die Ethikansätze, die bisher dargestellt wurden. Warum fallen die Personen den Berg wieder herunter? Die erklärenden Details verweisen auf Laster aller Art. Die Kröte zum Beispiel steht für Hochmut, aber auch für den Tod. Die Schlange wiederum steht für Bosheit ebenso wie für Weisheit. Solche Verweise sind also nicht eindeutig und damit zeigt die Illustration keine Verdikte, wie wir sie von anderen Ethiken kennen. Eine Tugendethik ist eine andere Art von Ethik als die modernen psychologischen Ethikansätze. Im Sinne der Tugendethik lobt und tadelt man das Handeln von Personen. Was sie tun, trifft das Angemessene in einer Situation. Daher ist die Frau auf dem Berg die sittliche Trefflichkeit. Das Angemessene ist dabei keine Eigenschaft der Handlung oder eines Handlungstyps oder gar einer Situation, sofern man sie isoliert voneinander betrachtet.

Kennerschaft sieht innere Werte. Porcellana ist der Name einer Schnecke. Sie lebt im Meer und ihr Gehäuse ist weiß. Weiß wie das Gold, das wir Porzellan nennen. Der kennerhafte Blick der Frau im Museum erfasst sicher sofort die inneren Werte der Skulptur, mancher Leser dieses Buches vielleicht nicht. Der heiße Brand verbindet Kaolin, Quarz und Feldspat zu Porzellan. Wie Boticellis Venus dem weißen Schaum des Meeres entsteigt, so entspringt das weiße Gold dem Ofen. Schon im Rococo wurden Figurinen von filigraner Schönheit hergestellt. Die Motive waren andere. Dennoch reiht sich Jeff Koons mit seiner lebhaft bemalten Skulptur bruchlos in diese Tradition ein.

Nun ja, die meisten werden etwas anderes sehen – andere Werte. Andere Werte als die „wirklichen“ Werte. Wirkliche Werte sind unter der Oberfläche verborgen? Jedenfalls werden sie nicht von jedem gesehen. Die Skulptur kann zerstört werden. Können Werte auch zerstört werden? Wie hängen die Werte der Oberfläche zusammen mit den inneren Werten? Sieht man Werte, oder nimmt man sie anders wahr? Man kann sich fragen, ob Werte objektiv sind: Werden Dinge wertvoll, weil wir in ihnen Wert sehen, oder sehen wir sie als wertvoll an, weil sie Werte sind? Was sind „innere“ Werte der Skulptur? Oder gibt es da nur den Preis für das Werk eines renommierten Künstlers? Vielleicht ist etwas nur als Instrument wertvoll für etwas und jemanden? Die Wertethik erschließt sich über eine Reihe von Fragen, auf die man Antworten bereit hält. Sie liefert keine besondere Methode der moralischen Reflexion und sie ist auch nicht in dem Sinne praktisch orientierend, dass Sie gute, angemessene und richtige Handlungen auszeichnen. Vielmehr liefern Werte einen Horizont, in dessen Licht wir uns, unsere Welt und unser Verhältnis zu ihr und zu uns interpretieren.

Ein schönes Foto: Helle Farben, gutes Wetter, klares Blau, saftiges Grün. Eine Industrielandschaft mit viel Produktivität und ohne Schmutz. Ein schönes Foto. Wo liegt nochmal Alsum? Harmonisch verbinden sich Industrie und Natur. Es sieht ein wenig unruhig aus, wie im Ruhrgebiet an vielen Stellen. Nur noch sauberer. Wenige und kleine weiße Wolken heben das Blau noch hervor. Malerisch sind Geschäftigkeit, Produktivität, Ingenieurskunst, Erfindungsgabe und Wohlstand in die Idylle eingebettet. Irgendwie strahlt das Foto auch Muße aus, auf jeden Fall aber Ordnung. – Nun, es ist kein Foto. Alsum ist nur gemalt. Das Gemälde ist also hyperrealistisch! Oder ist Alsum real? (Immerhin heißt ein Ortsteil von Duisburg so. Ein altes Fischerdorf.)

Sind die im Bild ausgemachten Werte – Schönheit, Produktivität, Erfindungsgabe, Muße ... wirklich? Sind Werte Tatsachen? Im Bild sind sie Tatsachen einer fingierten Realität – Ideale. Demgegenüber bleibt die wirkliche Welt meist defizitär und somit mangelhaft. Doch vielleicht kann man diesen Mangel ja beheben? Wenn Werte Tatsachen sind, dann sind sie unabhängig von unseren moralischen Urteilen und wir erfassen sie angemessen, wenn unsere Urteile wahr sind – da sie als Tatsachen das Kriterium der Wahrheitsfähigkeit erfüllen. Andererseits kann „existieren“ auch bedeuten, dass moralische Tatsachen als Ideen hyperreal sind. Die Dinge, die wir mit unseren Sinnen erfassen, sind demzufolge weniger real als Ideen. Doch was heißt es, dass Ideen hyperreal sind?

Ein Mädchen schlendert über die Straße? Nein, sie wird geschlendert. Eine riesige Apparatur und viel Begleitpersonal macht sie gehen, indem eine Maschine bedient wird. Das Mädchen ist mit dieser Maschine durch Seile verbunden. Sie ist eine Marionette. Manchmal sind kleine Kinder tatsächlich Marionetten, die mit ihren Eltern nicht durch Seile, wohl aber durch ihre Beziehungen zu ihnen steuernd verbunden sind. Und nicht nur Kinder sind Marionetten.

Wenn wir Marionetten wären, müssten die Bänder andere sein, als die von Puppen und Kindern. Wir sehen an uns keine Seile und auch ein steuerndes Personal scheint uns nicht anwesend. Andererseits kann man die Wirkungen sozialer Beziehungen (Befehl, Autorität, Einfluss ...) nicht als Seilzüge charakterisieren, denn wir können ihrer Wirkung auch zuwider handeln. Wenn man uns jedoch physisch zwingt etwas zu tun, sind wir unfrei und daher nicht verantwortlich. Unfreiheit in diesem Sinne ist unabhängig von Willensfreiheit. Denn die Metapher der Marionette verweist auf andere „Seile,“ an denen wir hängen könnten: Ein alles wissender Gott kennt mit der Zukunft auch die unsrige. Ein determiniertes Universum weiß zwar nicht, was es tut, in ihm sind aber alle Zustände vorherbestimmt. Auch das, was wir jetzt tun. Wären wir für unsere Handlungen nicht mehr verantwortlich, wenn wir als mündige Personen an „Seilen“ dieser Art hängen würden?

Wir wachsen in unser Leben hinein. Dieser Prozess kennt gewisse Regelmäßigkeiten, die in einem Entwicklungsmodell erfasst werden können. Lawrence Kohlberg hat dazu ein berühmtes Schema entwickelt: Wir beginnen als asoziale Egoisten und landen (hoffentlich) bei der Ebene des wechselseitig geschuldeten Respekts. Die soziale Perspektive führt uns in die Gemeinschaft hinein. Durch Moral werden wir gesellschaftsfähig. Dies ist nur möglich, weil wir in der persönlichen Perspektive bestimmte Grade der Einsichtsfähigkeit erlangen.

Ethiken verstehen sich in der Neuzeit zumeist als Theorien der Begründung moralischer Urteile. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass jede Ethik auch eine Psychologie des moralischen Urteilens und eine Pädagogik benötigt. Denn Fragen der praktischen Orientierung und moralische Irritationen scheinen nicht einfach nur Wissensfragen zu sein. Man muss in einem bestimmten Wissen leben und nach diesem auch Handeln können. Man kann Kohlberg vorwerfen, dass er die moralische Entwicklung als festes Schema konzipiert. Der Weg auf den Gipfel der Tugend scheint vielfältiger. Außerdem ist kritisierbar, dass bei ihm alles auf eine kantisch inspirierte Ethik hinausläuft, wenn man die höchste Stufe erklimmt. Daran ist zweierlei fraglich: Zum einen werden biografische Phasen mit ethischen Positionen identifiziert, zum anderen scheint die Psychologie Stellung zu nehmen im pluralistischen Konzert der philosophischen Ethik. Andererseits kann eine Ethik heute nicht mehr ganz aus sich eine Moralpsychologie entwickeln. Beide, Philosophie wie Psychologie stehen in einer wechselseitigen Beziehung zueinander. Das Verhältnis zwischen ihnen zu bestimmen, gestaltet sich jedoch problematisch.

Der Strukturwandel im Ruhrgebiet veränderte alles. In kaum hundert Jahren entstand ein Lebens- und Arbeitsraum, in dem aus ganz Europa Menschen wie in einem auch kulturellen Schmelztiegel zusammenkommen. Alles ist nah beieinander: die Arbeit, das Wohnen, die Freizeit. Überall durchzieht Infrastruktur diese Bereiche – sie verband und trennte. Doch schnell war alles wieder vorbei: 1987 besetzten Krupp-Arbeiter die Rheinbrücke, als ihr Werk geschlossen werden sollte. Sie empörten sich Arm in Arm als eine dem Untergang geweihte Kultur. Doch auch ihr Werk wurde geschlossen. Es blieb nur noch der Name ihrer Brücke.

Wenn man die Proteste verstehen will, darf man nicht nur daran denken, dass den Arbeitern von Krupp die Grundlage ihrer materiellen Sicherheit weggenommen wird. Ein Teil ihrer Gemeinschaft brach ebenfalls weg. Die Empörung und der Kampf waren eben daraus motiviert. Solidarität ist eine Tugend der sozialen Gleichheit. „Untertage sind alle Kumpel schwarz!“, hieß es. Jeder war möglicherweise auf den anderen existenziell angewiesen. Das verbindet! Die Proteste in Rheinhausen spiegeln diese existenzielle Gemeinschaft übertage. Denn der kulturelle Schmelztiegel Ruhrgebiet machte es nötig, eine Lebensgemeinschaft der gleichen Schicksale herzustellen. Man lebt in Siedlungen, die man gemeinschaftlich gebaut hat, oder man lebt als Kruppianer in der Kruppsiedlung. Man musste sich wechselseitig respektieren, egal von wo man ursprünglich stammte. In der Freizeit kümmert man sich vereint um seine Tauben oder brachte Kaninchen bei, sich tot zu stellen. In Rheinhausen protestierten die Kruppianer auch, weil ihnen mit der Schließung des Werkes ein Pfeiler eben dieses Gemeinsinns genommen werden sollte. Eine ganze Region schloss sich aus moralischer Empörung in Solidarität zusammen. Aber was genau ist eigentlich Solidarität?

Gefaltete Hände, doch ein Schwur ist kein Treueversprechen. Die drei Männer symbolisieren ein Band der Loyalität – den Rütlischwur. Auf diese Weise verbünden sich durch einen Eid die Vertreter dreier Kantone gegen den Kaiser. Diese Geschichte ist der Gründungsmythos der Schweiz. Das Licht ist zentral: Ernsthaft richten die Männer ihre Blicke in den Himmel. Ihre Hände, die als verbundene den Eid bekräftigen, erstrahlen in diesem Lichte. Zwar ist die Szenerie etwas pathetisch, aber man spürt, dass es ein Band zwischen den Personen gibt und sie sich tatkräftig unter etwas Gemeinsamem verbinden.

Die Eidgenossen schließen keinen Vertrag, sie versprechen sich nichts. Sie entwickeln allerdings eine Idee von sich, durch die ihre Nation gegründet wird. Ihr geben sie sich hin, realisieren sie und erinnern sich stetig an sie. In der Ethik ist Loyalität ein wichtiges Konzept, weil wir in komplexen Loyalitäten stehen. Anders als Solidarität ist Loyalität hierarchisch: Gemeinsam ist man gegenüber etwas Höherem loyal. Unser Leben ist in eine Reihe von Bereichen fragmentiert, die unterschiedlichen Ideen folgen. Wir engagieren uns im Arbeitsleben, in der Familie, im Verein und in Freundeskreisen. Dies sind die Fragmente unseres Lebens, denen wir gemäß unterschiedlichen Prinzipien verpflichtet sind. Aber sie verpflichten uns oftmals widersprüchlich: Loyalität auf der Arbeit kann etwa in Konkurrenz zur Loyalität gegenüber der Familie und Freunden stehen. Oft schaffen wir es nur mit Mühe, unsere Loyalitäten unter einen Hut zu bringen. Personen müssen solche Widersprüche und die mit ihnen verbundenen moralischen Defizite jedoch leben können.